Sonntag, 28. November 2010

Tag 582 - Sympathy for the Devil

Ich arbeite. Nach zwei Jahren Freiheit und Zeit mich selbst zu finden bin ich wieder zurück in der 40 Stunden Woche.
Jetzt, nach vier Wochen und kurz vor dem ersten Zahltag kann ich endlich mal über meine Eindrücke schreiben.

Die erste Woche war die Hölle.
Zum ersten Mal seit ich in England bin, stand ich wirklich unter Kulturschock. Mein Chef (Mister B) und seine Familie ist wie schon erwähnt aus Kenia, sind aber indischer Abstammung… also sehen auch indisch aus, mal ganz einfach gesagt. Sie sind Muslime, was mich immer wieder verwirrt, dachte ich doch immer alle Inder seien Hindus. Aber eigentlich sind sie ja Afrikaner. Ach, wie auch immer. Sie beten jedenfalls fünfmal am Tag. Jeden Tag zur Gebetszeit öffnet sich an meinem Computer plötzlich ein Pop-Up-Fenster und der Muezzin ruft in durchdringender Lautstärke zum Gebet auf. „Hol dir Allahs Segen mit nur einem Mausklick“, steht da doch tatsächlich in einer kleinen Werbeanzeige.

Das ist jetzt aber nicht gerade das, was mir den Kulturschock gegeben hat. Auch nicht, dass im Laden jeder mindestens fünf verschiedene Sprachen spricht. Hindi, Swaheli, verschiedene indische Dialekte, Arabisch… Da kommt es in der Hektik schon mal vor, dass mir jemand was in Südasiatisch zuruft. Habe aber gelernt darauf zu achten, ob das Wort „Chai“ darin vorkommt. Dann muss ich nur „Ha“ sagen und kriege kurze Zeit später eine Tasse Tee serviert. Klappt jedes Mal!

Es ist vielmehr die Arbeitsmoral von Mister und Mistress B. Am ersten Tag wurde ich auf meinen Bürostuhl irgendwo in der hintersten Ecke unter einen Regalbrett, eingekeilt zwischen Medizinschachteln und einem Aktenschrank abgesetzt und erwartungsvoll angeschaut. Fang an zu arbeiten. So nach dem Motto. Nachfragen nicht erwünscht, Erklärungen verschwenden zu viel Zeit. Hier, zwei Kilo Papier. Buchhalte das mal irgendwie, damit das am Ende passt. Ach ja, wir haben noch zwei andere Filialen, die Läden müssen alle für die Wirtschaftsprüfung fertig gemacht werden… die Unterlagen sind… irgendwo. Such mal. Mach mal. Zack zack. Vergiss nicht die monatlichen Berichte an den Gesundheitsdienst zu schicken. Wie, du weißt nicht was für Berichte das sind? Schau halt was letzten Monat gemacht wurde. Fang doch endlich mal an.

Sie sind Sklaventreiber, die Bs. Ernsthaft. Lucky Luke hat seine Ganoven immer zum Tanzen gebracht, indem er Kugeln direkt zwischen ihren Füßen abgefeuert hat. So fühlt man sich in diesem Betrieb während der Arbeit. Die Angestellten trauen sich nicht eine Sekunde still zu stehen, sondern flitzen unter den kritischen Augen von Mister B durch die Gänge, rücken Medikamentenschachteln zurecht, fassen ständig irgendwas an um ja nicht unbeschäftigt auszusehen. Dann kommt Mrs B und gibt eine Million Aufgaben, die alle mit „Put it“ anfangen.
Manchmal sagt sie auch nur „Put it.“
Wie put? Was put? Put put? Was soll ich wohin putten?
„Put it!“ wiederholt sie dann schwer genervt und fuchtelt mit den Händen. „Put it! Put it!”
Ich weiß immer noch nicht was sie will.
„You have to put it, you know?“ brüllt sie schließlich und beschwert sich arabisch wehklagend beim Lieferanten, wie nutzlos ihre Mitarbeiter doch sind.

Ich meine, auch wenn sie sagt, was genau ich wohin setzen/stellen/legen soll, macht es ihr Akzent manchmal doch nicht einfach.
„Blätz“ hat sie kürzlich verlangt. Blätz. Was sind Blätz? Blätz? Nie gehört. Sie war schwer entnervt, als sie selbst gehen musste. Zurück kam sie mit „Blades“ (Rasierklingen)
„Switz“ konnte ich ihr auch nicht erfüllen. Ich konnte einfach keine Ähnlichkeit zu „Sweets“ (Süßigkeiten) hören.

Die erste Woche war nervenaufreibend. Nichts konnte ich richtig machen. Immer nur Missbilligung und Kritik, den ganzen Tag lang. Gleich sofort Überstunden (unbezahlt natürlich), und Mittagspause erst ab 15.00 Uhr. Niemand konnte mir was erklären, alles musste ich irgendwie selbst erarbeiten oder den Kollegen aus der Nase ziehen. Ich war hoffnungslos frustriert und hätte am Liebsten hingeschmissen. Abends war ich klinisch tot und wenn ich die Augen zumachte, sah ich stapelweise Medizinschachteln.

Ich arbeitete sogar am ersten Samstag, obwohl meine Arbeitszeit eigentlich Montag-Freitag ist. Aber an diesem Tag hab ich den ersten normalen Menschen in diesem Betrieb getroffen. Es war meine Vorgängerin für den Papierkram. Sonia. Mein Stern am Horizont. Mit ihr klickte ich sofort. Ich konnte ihr tausend Fragen stellen, und sie hat sich sehr viel Zeit genommen, um mir die wichtigsten Vorgänge zu erklären. Das ganze Bürosystem hat sie eingeführt, weil den Bs Aktenführung wohl seit zwanzig Jahren sonstwo vorbeigeht. Ich schrieb seitenweise Notizen und saugte alles auf, was sie mir erzählte. Buchführung. Rechnungen und Kontoauszüge. Was musste für die Betriebsprüfung vorbereitet werden? Wir gingen durch die Emails. Sie erklärte mir Sachverhalte und Zusammenhänge. Was für ein Engel! Und plötzlich waren die Aufgaben zu bewältigen und ich war hochmotiviert.

Die zweite Woche fing an, und ich hatte ernsthaft mit Mister B über meine Überstunden zu reden. Nie wieder möchte ich zu den Arbeitnehmern gehören, die zusammenzucken, wenn der Chef vorbeiläuft. Die sich nicht trauen den Mund aufzumachen, wenn sie ungerecht behandelt werden. Niemals wieder.
Es ergab sich eine sehr gute Gelegenheit, denn Mister B kam montags um die Ecke geschossen, As-Salamu-Alaykum, und hat mir vorgeschlagen… nein, befehligt, in meiner Mittagspause für seine Frau einkaufen zu gehen.
„Ja sicher doch!“ hab ich gelacht. Gelungener Witz.
„Schreib“, meinte er nur, „Apfelsaft, Orangensaft, Brot, Kartoffeln, Milch…“
„Warte“ unterbrach ich. „Sie verlangen ernsthaft, dass ICH in MEINER Mittagspause IHRE Privateinkäufe erledige??“
Er schaute mich an „Ja.“
Gefährliche Stille.
Und irgendwie musste er geahnt haben, dass ich gerade gedanklich meine Kündigung unterschrieb.
Er hat sich tausend Mal entschuldigt. Er dachte ja nur, weil Sonia immer für ihn eingekauft hatte. Entschuldigung vielmals. Natürlich soll ich nicht in meiner Mittagspause… er meinte ja nur, weil ich ja vielleicht sowieso in die Richtung gehen würde. Aber natürlich nur wenn ich wollte…

Es war wirklich genau so abgelaufen. Ich glaube das war so ein wenig ein Austesten, für welchen Scheiß er mich benutzen kann. Gefragt hat er jedenfalls seither nicht mehr. Einkaufen ging dann die schüchterne Rumänin aus der Parfümabteilung.
Ich hab dann gleich noch unterbreitet, dass ich abends gerne weiterhin die zusätzliche Stunde bis Ladenschluss arbeite, aber dann eben morgens eine Stunde später erscheinen werde. Wieder hat er mich lange angesehen, dann aber zugestimmt. Geht doch. Überstundenproblem auch gelöst.

Nächstes Opfer im Rundumschlag war Kollege Aglupsch (Name ähnlich) aus Sri Lanka, der mich vom ersten Tag an mit seinen schleimigen Anmachen genervt hat. Nachdem er irgendwann anfing, diese Luftkissen direkt an meinem Ohr platzen zu lassen, die in Paketen als Polsterung mitgeschickt werden, da ist mir der Kragen geplatzt. Ich hab ihn kurz mal angefaucht, wie ich es bei den Sargnägeln gelernt hatte, und verboten mich jemals wieder anzusprechen, wenn es nicht unmittelbar mit dem Job zu tun hat. Seither herrscht Ruhe.

In der dritten Woche lief zumindest meine Arbeit im Büro… äh… unter dem Medikamentenregal besser. Ich bekam nach und nach eine Idee von den Abläufen und konnte schon die ersten Berichte fertig stellen und ein paar vereinzelte Emails beantworten.
Nur am Verkaufstresen war ich immer noch ein wenig überfordert. Hey, in Deutschland braucht man eine dreijährige Ausbildung zur Apothekenhelferin, und hier soll ich von heute auf morgen tausend verschiedene Medikamente kennen. Tixylix, Salbutamol, Panadol. Oder der Kunde reißt sich den Socken vom Leib, um seinen Fuß mit dem riesigen eitrigen Zehennagel auf den Tresen zu knallen. Her mit der Diagnose, her mit der Behandlung. Toll war auch der Typ, der unter dem Solarium eingeschlafen war. Und ich durfte nicht lachen.
Auch machte ich gemäß Mrs. B nichts, aber auch gar nichts richtig. Damit machte sie mich so nervös, dass die Fehler vorprogrammiert waren. „Du musst lernen!“ schnauzte sie und ließ mich allein am Verkaufstresen. Was ich persönlich super fand, denn so lernt man es ja wirklich am Besten. Außerdem war ich sie los. Aber jedes Mal, wenn der Kunde gerade noch Luft holte um sein Anliegen loszuwerden, kam sie auf ihren Shape-Ups angewippt und brüllte „Die weiß nichts! Die muss noch lernen!“ und übernahm das Ruder. Erklärte extra laut und genau unter den belustigten Augen des Kunden, wie man die Ware in eine Plastiktüte packt. „You have to put it, you know?”
Ich kann nur die Augen verdrehen.
Eine Pechsträhne habe ich auch mit Kleinigkeiten. Immer wenn ich mal was alleine mache, geht irgendwas schief… Kassenrolle leer, kein Wechselgeld in der Kasse, Preis im System stimmt nicht mit Preisschild überein, Medikament nicht im Regal, alles fällt runter, beim Versuch es aufzuheben werfe ich noch mehr runter, ständig störe ich Kollegen beim Beten, weil ich die Gebetszeiten nicht auf die Reihe kriege, aber auch nie weiß, hinter welcher Ecke sie sich jetzt schon wieder in Richtung Mekka auf den Boden schmeißen…

Woche vier, kleine Erfolge auch im Verkaufsraum. Mir fallen nicht mehr so viele Medikamentenschachteln runter, wenn ich sie stapelweise aus dem Lager balanciere. Ich schieße tolle Passfotos. Und ich verteile Methadon an die Junkies. Wenn mir Mrs. B was in die Hand drückt frage ich nur freundlich „Shall I put it?“ und sie lächelt erfreut. Am letzten Ramadan hat sie selbstgemachte, indische Onion Bhajees mitgebracht und mir auch welche angeboten. Sehr lecker. Und winzige karamellisierte Nudeln. Und irgendeine afrikanische Süßigkeit, die wie ein Stück Salami aussieht und nach exotischer Topfpflanze schmeckt.


Ich habe schon die ersten Kunden und Patienten beraten können, auch wenn es nur um Halschmerztabletten ging. Ein paar Stammkunden kennen jetzt auch meinen Namen und sind immer so freundlich, dass die Sonne aufgeht. Ich weiß so ziemlich wo im Laden welche Produkte stehen, und nehme auch die rüpelhaftesten Kunden total gelassen hin. Die zwei Tussen, die sich hier im Laden prügeln wollten, hab ich rausgeschickt.

Nächste Woche ist Zahltag. Und dann wird der Stress des vergangenen Monats bestimmt gleich vergessen sein, und ich kann mal wieder zum Frisör gehen. Und ein, zwei warme Pullover kaufen. Und Weihnachtsgeschenke.

Ich gebe mir nicht länger als ein Jahr in diesem Job. Sehr viele Sachen sprechen dafür, dass ich mir eigentlich gleich was anderes suchen sollte… aber das was ich gerade mache, wird in meinem Lebenslauf verdammt gut aussehen. Und ich lerne eine Menge. Außerdem bin ich mir sicher, diese Erfahrung wird mir dann die Tür für den nächsten Job öffnen. Vielleicht bleibe ich ja in der Gesundheitsbranche?

Kommentare:

  1. Also wenn davon nur die Hälfte so ist wie du es schilderst: Meine Hochachtung, du bist mein neuer Guru. Ich wäre vermutlich am zweiten Tag schon nicht mehr erschienen... Aber ich bin auch kein Musterbeispiel an Selbstbeherrschung, als ich in der Kneipe angefangen hab damals hab ich mich auch nach einer Woche schon fast mit meinem Chef geprügelt (Sizilianer, noch fragen?). Er stellte dann aber fest: "Du haste eine sehr starke Willen, das ist gut." Soviel zu meinem Kulturschock :) Aber ich bin dafür du bleibst da, allein für die Blogeintrage die sich daraus ergeben.
    Drück dir die Daumen!

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  2. Ich bin ja soooooo stolz auf Dich Sährchen!

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